Haushaltsauflösung – nichts bleibt verschont

In der Region, in der ich jetzt wohne, finden jede Woche einige Haushaltsauflösungen statt. Die Bewohner der Häuser und Wohnungen sind verstorben oder in ein Seniorenwohnheim umgezogen und die Nachkommen versuchen, mit dem Hausrat möglichst viel zu Geld zu machen oder die Wohnungen und Häuser möglichst schnell zu räumen, so dass ein Verkauf oder eine Vermietung möglich wird.

Oft sind die Leute unter extremem Zeitdruck, denn offenbar wird der Zeitbedarf für die Räumung einer Immobilie unterschätzt – und gerade die Möbel der jetzt älteren Generation lassen sich nur sehr schwer verkaufen.

Durch die Arbeit meiner Freundin bin ich in den letzten Wochen öfter zu diesen Haushaltsauflösungen gegangen. Und ich muss sagen, dass es fast jedes Mal ein schlimmes Gefühl ist.

Wir schauten nur nach Porzellan – und da ich selbst nicht der Experte bin und sein will, hatte ich genug Zeit, die Vorgänge, Verhandlungen und Fehler bei den Haushaltsauflösungen zu beobachten und für mich zu bewerten.

Vor Allem ist es das distanzlose Eindringen Fremder in die Privatsphäre der verstorbenen oder ausgezogenen Person. Das macht mir zu schaffen.

Andere sind da weniger feinfühlig. Da wird gedrängelt und geschubst, es ist wie beim Sommerschlussverkauf bei Karstadt vor 30 Jahren.

Ein Nachkomme zum Beispiel hatte viele Flohmarktkisten gepackt und dann aber doch den Plan aufgegeben, die Sachen selbst zu verkaufen. Entnervt hatte er dann annonciert, dass man sich die Sachen kostenlos abholen könne.

Und damit hatte er dann genau die Leute angesprochen, die selbst auf Flohmärkten verkaufen und so kamen sie in Massen und fielen über die Kisten her.

Aus sicherem Abstand habe ich beobachtet, wie diese „Schatzsucher“ gierig eine Kiste nach der anderen entleerten und den Inhalt auf dem Boden verstreuten. Da ist kein Platz für Stil und Etikette… Es wird zusammengerafft, was man tragen kann, hier und da klirrt es auch, wenn Glas zerspringt oder Porzellan auf den Boden fällt. Egal – Hauptsache ich bekomme den größten Teil – und vielleicht ist ja auch noch etwas von Wert dabei?

Es ist auch eine gewisse Schatzsuchermentalität zu sehen. Haben die Nachkommen oder Erben vielleicht ein Versteck übersehen? Da wird nach Geheimfächern in Schränken gesucht, unter Betten gekrochen und Matrazen aufgeschlitzt. Alles auf der Suche nach Schmuck, Geld, Gold oder andeeren Wertgegenständen.

Manche Nachkommen erlauben ihren Kunden bei der Haushaltsauflösung,  Schränke aufzumachen, Schubladen zu öffnen und diese zu durchwühlen.

Das würde man als zivilisierter Mensch eigentlich bei anderen nicht machen. Aber Gefühle oder gar Höflichkeit und Achtung vor der Privatsphäre ist fehl am Platz. Wer zuerst kommt und wer zuerst etwas findet, der kann dann über den Preis verhandeln.

Es hat etwas von Leichenfledderei und es ist oft genug niveaulos und unanständig. Dem verstorbenen oder umgezogenen Menschen haben bestimmte Sachen etwas bedeutet und nun streiten sich die „Geier“ lautstark darum, wer dieses Stück kaufen darf. Es wird schlimmer gefeilscht, als auf dem Flohmarkt, weil die Kunden ja auch wissen, dass die mit der Auflösung Beschäftigten unter Zeitdruck stehen. Nicht zuletzt meist, um es dann auf dem Flohmarkt für einen erhofften höheren Preis zu verkaufen.

Man würde sich im Grabe umdrehen, wenn man sehen könnte, wie hier mit den geliebten Sachen  umgegangen wird.

Man kann aber auch gut daran sehen, wie das Verhältnis zum Verstorbenen war. Wer diese Person geliebt und geachtet hat, wird nicht zulassen können, dass Horden von Geiern plündernd durch diesen Haushalt ziehen.

Mich wundert zum Beispiel, dass oft die persönlicghsten Sachen nicht entfernt werden, bevor man Fremde in das Objekt lässt. Persönliche Briefe, Fotos, Fotoalben, Strafbefehle, Gerichtsurteile, Ausweise, Schriftverkehr mit Behörden, usw. gehören meines Erachtens nach nicht in fremde Hände.

Den eigenen Haushalt auflösen – aber sicher

Ich habe auch schon Haushaltsauflösungen von Menschen erlebt, die selbst noch in der Lage waren, ihren Haushalt aufzulösen, zum Beispiel, weil sie in eine Altersbetreuung wechselten und ihren Hausstand aufgaben. Hier geht es wesentlich zivilisierter zu und die anerzogenen Barrieren sind zumindest bei den meisten deutschen Kunden noch vorhanden. Auffällig war dabei aber auch, dass es bei Ausländern diese Distanz und Achtung vor fremden Eigentum oft nicht gibt. Da war dann eher Plündern das richtige Wort.

In einem Fall wurde die Haushaltsauflösung auch dazu genutzt, dem alten Mann, der nur mit Mühe die Aufsicht aufrechterhalten konnte, seine gesamten Wertsachen zu stehlen. Es tat mir unendlich leid, diese Gemeinheit mitzubekommen. Er hatte den Fehler gemacht, dass er seine Wertsachen, darunter eine große Münzsammlung mit vielen Goldmünzen, in einen Raum zu stellen und diesen raum nicht abzuschließen.

Ich habe bei diesem Herren eine Menge gekauft, zum Einen hatten wir gemeinsame Interessen, zum Anderen tat es mir wirklich leid, dass er an einem seiner letzten Tage im Haus noch bestohlen wird.

Wer seinen eigenen Haushalt auflösen muss, sollte auf jeden Fall dafür sorgen, dass in jedem Raum, den Fremde betreten können, eine Aufsichtsperson zugegen ist und selbst dann von Raum zu Raum gehen, um Preisverhandlungen zu führen. Lassen Sie die Aufsichtsperson nicht den Raum verlassen, um bei Ihnen nach dem Preis zu fragen, denn das nutzen manche Langfinger schon wieder aus.

Und wer den Haushalt seiner Eltern oder anderer Verwandte auflöst, sollte sich daran erinnern, wie man sich dort im Haushalt zum Beispiel bei Besuchen verhalten hat. Eine solche Haushaltsauflösung ist oft ein sehr schmerzhaftes Erlebnis, aber der Anstand sollte nicht darunter leiden.

Professionelle Hilfe kann gut sein

Manchmal kann es auch sinnvoll sein, einen professionellen Haushaltsauflöser mit der Auflösung des Haushaltes zu beauftragen. Hier sollte man aber auch darauf achten, was das für Leute sind und wie diese sich verhalten. Zum Teil sieht man das schon an der Beschreibung ihrer Tätigkeit im Internet. wer nur Ruckzuck verspricht, ist wahrscheinlich nicht der richtige Auftragnehmer.

Passen Sie auf, denn auch in diesem Bereich gibt es (wie bei Schlüsseldiensten) viele unseriöse Anbieter. Achten Sie darauf, ob Ihr Anruf über ein Call-Center abgewickelt wird und ob die Leute wirklich von da kommen, wo sie es angegeben haben.

Und denken Sie bei der Auflösung an den Menschen, dem all das, was Sie jetzt verkaufen oder weggeben mal wichtig war. Das führt dann automatisch zum richtigen Umgang mit der Aufgabe Haushaltsauflösung. Das sind wir der Person durch schuldig, oder?

Was bleibt eigentlich – am Ende des Lebens?

Sie ist tot. Und ich bleibe zurück. Seit Monaten kreisen meine Gedanken, zwingen sich immer wieder in alltäglichen Situationen. Ach, wie schön wäre es, wenn sie jetzt anrufen würde…

Was haben wir nicht alles verpasst – so in der Hektik des Alltags. Habe ich ihr oft genug gesagt, wieviel sie mir bedeutet? Hätte ich nicht häufiger anrufen sollen? Wie sehr hat sie ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zurückgestellt, wenn sie gesagt hat, dass ich am Wochenende nicht kommen soll?

Sie war meine fairste Kritikerin und meine Ratgeberin, die bei Ihren Ratschlägen nicht an sich selbst und ihren Vorteil dachte. Die Ehrlichkeit dabei war manchmal schwer zu ertragen – aber das gehört dazu, wenn Eltern mit ihren Kindern sprechen. Ich wusste, dass sie bedingungslos zu mir stand. Auch dann, wenn ich Fehler machte.

Und nun bin ich dabei, ihre Wohnung aufzulösen. Ein schmerzhafter Prozess. Überall Erinnerungen – ihr Geist wohnt in jedem Stück. So schön hatte sie es sich gemacht. Perfekt für sie. Und ich muss das nun alles zerstören.

Ihre zahlreichen Foto-Alben bringen meine Kindheit zurück. Ich sehe meinen Vater, meine Mutter und mich. Einiges ist auch an mir vorbeigelaufen. Briefe meiner Eltern  legen Zeugnis ab über gute und weniger gute Tage. Man hat früher viel mehr geschrieben – und das beschriebene Papier legt auch nach 30 und mehr Jahren noch Zeugnis ab.

Ich lerne meine Mutter doch noch mal neu kennen. Sie wollte diese Alben und Briefe wegwerfen, aber ich habe sie gebeten, sie für mich aufzuheben. Und das hat sie getan. Sie hat mir letztes Weihnachten sogar ihr Kommunikationsmedium mit meinem Vater bei deren Kennenlernen gezeigt. Eine Zeitschrift, in die Briefe eingelegt waren und Artikel und Anzeigen kommentiert wurden.

Ich finde viele Geschenke, die ich ihr im Laufe der Jahre gemacht habe. Ein Buch ist nichtmal ausgepackt, das war vom Geburtstag im Sommer letzten Jahres.

Ich lasse mir Zeit. Am Liebsten hätte ich alles so gelassen, wie es war.

Alle sagen, dass das nicht geht. Dass sie gegangen ist und losgelassen hat. Die Wohnung bedeute ihr nichts mehr. Es tröstet mich in meinen Tränen, das zu glauben. Aber ich fühle, dass es nicht so ist.

Und deshalb dauert das so lange. Bei mir im Haus stehen nun die Kisten mit ihren Sachen. Unausgepackt. Sie warten darauf, dass ich die Stärke habe, sie auszupacken.

Ich habe große Probleme mit dem Verhalten von zwei Hinterbliebenen. Sie haben mir den Kampf angesagt, weil sie erben wollen. Einer behauptet sogar, er habe sich das verdient. Weil er ihr Freund war. Der andere präsentiert ein widerrufenes Testament und reicht das bei Gericht ein. Das Verhalten war und ist so, dass sie darüber entsetzt wäre. Ich sehe ihren Gesichtsausdruck, wie enttäuscht sie wäre.

Sie wollte, dass alles klar ist. Und sie hatte Zeit, sie wusste, was kommt. Und doch haben wir dieses Thema vermieden.  Ich war zu feige, alles haarklein zu besprechen. Ihre Aussage war klar: Es sei alles geregelt.

Sie hat aber Fehler gemacht und dadurch den Streit heraufbeschworen. Unabsichtlich und aus Unkenntnis über das Verhalten ihrer Nächsten.

Schon vor ihrem Tod kamen die Hyänen und wollten sich aus dem möglichen Erbe die ihnen zustehenden Stücke herausreissen. Geier und Hyänen warten, bis das Tier tot ist. Menschen fangen früher an – und zeigen weniger Geduld. Mich ekelte das an. Da liegt jemand im Krankenhaus und die nächsten Freunde und Angehörigen kämpfen hinter dem Rücken der sterbenskranken Person schon um ihren Anteil an ihren Hinterlassenschaften.

Die gleichen Leute, denen Karten zum Konzert wichtiger waren, als Abschied zu nehmen. Die gleichen Leute, die trotz meiner dringenden Bitte nicht gekommen sind. Die gleichen Leute, die genug Ausreden dafür hatten, dass sie meine Mutter nicht mehr besucht haben. Die gleichen Leute, die behaupteten, ihre engsten Freunde oder Verwandte zu sein.

Die gleichen Leute, die nicht einen Cent für das Hospiz übrig hatten (wie mir die Spenderliste gezeigt hat). Ich hatte auf der Trauerkarte um eine Spende für das Hospiz gebeten, die hatten wirklich einen sehr guten Eindruck hinterlassen.

Nun beherrscht der Streit Wochen und Monate – wo eigentlich stilles Andenken sein sollte. Es wird gefeilscht wie auf dem Basar und es widert mich an.  Zweck-Bündnisse zwischen Leuten, die sich nicht mögen, werden geschlossen. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Der Wunsch für ihre Bestattung war eindeutig und wiederholt formuliert. Doch diese Leute sehen das anders und klagen mich an, dafür dass ich ihren Wunsch respektiert habe und sie nun ein Teil der Ostsee ist. Ein verschwindend kleiner Teil, aber immerhin. Sie wollte nicht von Maden zerfressen werden und sie wollte den Hinterbliebenen kein Grab zur Pflege aufbürden. So entschied sie sich für die Seebestattung – und es war ein feierlicher und würdiger Abschied. Wie sagt man so? Ihr hätte es gefallen. Wichtig ist doch, dass sie in unseren Herzen und in unserer Erinnerung lebendig bleibt – das zählt und es ist das, was für die nächsten Jahre bleibt.

Denn was bleibt eigentlich am Ende des Lebens. Streit kann es doch nicht sein. Und wenn ich an mich selbst denke. Wie wird das bei mir sein? Ich weiß die Antwort schon. Es wird genauso sein. Man muss rechtzeuitig überlegen, wie was geregelt werden soll, denn beim Erben kommen die wahren Charaktere zum Vorschein.

Es bleiben meine Gedanken, meine Erinnerungen. Ich denke jeden Tag an sie. Und das schöne Ölbild von meinen Eltern hängt jetzt in meinem Büro. So ist sie dann doch irgendwie präsent und dass nicht nur in meinen Gedanken.

Es bleibt auch ihr Einfluss. Was würde sie zu dem oder dem sagen. Was wäre ihr Rat? Auf jeden Fall würde sie sagen, dass ich jetzt endlich wieder mit der Arbeit beginnen soll. Aber sie würde auch verstehen, dass ich meine Gedanken mal aufschreiben musste…

Was bleibt, was geht…